Erysipel und Zellulitis: Antibiotika, Therapie und Diagnostik für Ärzte
Die Therapie der bakteriellen Haut- und Weichteilinfektion richtet sich nach dem Schweregrad: Ein unkompliziertes Erysipel und eine milde Zellulitis werden ambulant mit einem Streptokokken-wirksamen Betalaktam behandelt, etwa Penicillin oder Cefalexin 500 mg alle 6 Stunden, während die nekrotisierende Fasziitis ein chirurgischer Notfall mit sofortigem Débridement und Breitbandantibiotika bleibt.
Die Unterscheidung zwischen Zellulitis, Abszess und nekrotisierender Infektion ist für die Behandlung bakterieller Haut- und Weichteilinfektionen beim Erwachsenen entscheidend. Eine frühzeitige Diagnose ist besonders bei nekrotisierenden Infektionen essenziell, da diese einen chirurgischen Notfall darstellen. Dieser Beitrag fasst Diagnostik, empirische Antibiotikatherapie und Warnzeichen für Ärztinnen und Ärzte zusammen.
Zellulitis, Abszess und nekrotisierende Infektion unterscheiden
| Merkmal | Zellulitis | Abszess | Nekrotisierende Infektion |
|---|---|---|---|
| Präsentation | schlecht abgrenzbares, warmes, erythematöses Areal mit Ödem und Druckschmerz | fluktuierende, druckempfindliche Schwellung, oft eitriger Ausfluss | disproportional starke Schmerzen, rasche Ausbreitung, systemische Toxizität, Blasen/Bullae, Krepitation |
| Häufigste Erreger | beta-hämolytische Streptokokken, seltener MSSA | Staphylococcus aureus (auch MRSA) | polymikrobiell (Typ I) oder Gruppe-A-Streptokokken (Typ II) |
| Diagnostik | klinisch (Wärme, Erythem, Ödem, Druckschmerz) | klinisch; Ultraschall hilfreich; Inzision und Drainage | hoher klinischer Verdacht; Bildgebung; definitive Diagnose durch chirurgisches Debridement |
| Dringlichkeit | ambulant, bei systemischen Zeichen stationär | Inzision und Drainage primär | chirurgischer Notfall, sofortiges Debridement |
Hinweis: Erysipel ist eine oberflächliche, meist durch beta-hämolytische Streptokokken verursachte Form mit scharf begrenztem Erythem und wird klinisch demselben Spektrum wie die Zellulitis zugeordnet.
Empirische Antibiotikatherapie
| Situation | Antibiotika | Dauer |
|---|---|---|
| Milde, nicht-eitrige Zellulitis (ambulant) | Cefalexin 500 mg alle 6 h oder Dicloxacillin; bei Penicillinallergie Clindamycin 300-450 mg alle 6 h | mind. 5 Tage, ggf. länger |
| Eitrige Zellulitis / Abszess (MRSA-Risiko) | TMP-SMX + Cefalexin; bei TMP-SMX-Allergie Clindamycin. Abszess: Inzision und Drainage primär | mind. 5 Tage, ggf. länger |
| Schwer, stationär, ohne MRSA-Risiko | Cefazolin i.v. (dann orales Cefalexin), Nafcillin oder Oxacillin i.v. | mind. 5 Tage, ggf. länger |
| Schwer, stationär, mit MRSA-Risiko | Vancomycin, Daptomycin, Linezolid oder Ceftarolin i.v. (PEG-Leitlinie: Linezolid oder Daptomycin erste Wahl) | mind. 5 Tage, ggf. länger |
| Nekrotisierende Infektion (Notfall) | Breitband mit Anti-MRSA- und Gram-negativer Abdeckung (z.B. Vancomycin + Piperacillin-Tazobactam oder + Carbapenem); zusätzlich Clindamycin zur Toxinsuppression bei Verdacht auf Gruppe-A-Streptokokken; sofortiges Debridement obligat | bis chirurgische Kontrolle und klinische Besserung |
Warnzeichen für eine stationäre Einweisung
- Systemische Infektionszeichen (SIRS): Fieber >38 °C oder <36 °C, Herzfrequenz >90/min, Atemfrequenz >20/min, Leukozytose >12.000 oder Leukopenie <4.000.
- Verdacht auf nekrotisierende Infektion: disproportionale Schmerzen, rasche Ausbreitung, Blasenbildung, Krepitation, systemische Toxizität (chirurgischer Notfall).
- Therapieversagen: keine Besserung innerhalb von 48 Stunden unter ambulanter Antibiose.
- Immunsuppression (Chemotherapie, Diabetes mellitus, HIV).
- Unfähigkeit zur oralen Medikamenteneinnahme, hämodynamische Instabilität oder Delir.
- Zellulitis über oder nahe einem implantierten medizinischen Gerät.
Erysipel und Zellulitis – tiefer eintauchen mit DR. INFO.
Mehr erfahren→- Wie unterscheide ich Zellulitis von einer nekrotisierenden Infektion?
- Für eine nekrotisierende Infektion sprechen disproportional starke Schmerzen, rasche Ausbreitung, systemische Toxizität, Blasen oder Bullae, bläulich-graue Verfärbung und Krepitation. Sie ist ein chirurgischer Notfall; die definitive Diagnose erfolgt durch chirurgisches Debridement.
- Welche empirische Antibiotikatherapie bei milder Zellulitis?
- Bei milder, nicht-eitriger Zellulitis Cefalexin 500 mg alle 6 Stunden oder Dicloxacillin über mindestens 5 Tage; bei Penicillinallergie Clindamycin. Die Therapie zielt vor allem auf Streptokokken.
- Welches Antibiotikum bei MRSA-Risiko?
- Bei eitriger Zellulitis oder Abszess mit MRSA-Risiko ambulant TMP-SMX plus Cefalexin; stationär Vancomycin, Daptomycin, Linezolid oder Ceftarolin. Die deutsche PEG-Leitlinie nennt bei komplizierten MRSA-Infektionen Linezolid oder Daptomycin als erste Wahl. Ein Abszess wird primär durch Inzision und Drainage behandelt.
- Wann muss ein Patient stationär aufgenommen werden?
- Bei systemischen Infektionszeichen (SIRS), Verdacht auf eine nekrotisierende Infektion, Therapieversagen nach 48 Stunden, Immunsuppression, fehlender oraler Einnahmemöglichkeit oder hämodynamischer Instabilität.
- Erysipel oder Phlegmone: wie unterscheide ich beides?
- Das Erysipel ist eine oberflächliche Infektion der Dermis mit scharf begrenzter, hellroter Rötung und raschem Fieberbeginn, meist durch beta-hämolysierende Streptokokken. Die Phlegmone (Zellulitis) reicht tiefer in die Subkutis, ist unscharf begrenzt und weniger klar abgegrenzt. Beide werden empirisch gegen Streptokokken behandelt; bei Eiterung oder MRSA-Risiko wird die Abdeckung erweitert.
- Welches Antibiotikum bei Erysipel und Penicillinallergie?
- Beim klassischen Erysipel ist Penicillin die erste Wahl. Bei Penicillinallergie wird Clindamycin eingesetzt; alternativ ein Makrolid. Die Therapiedauer beträgt in der Regel 5 bis 7 Tage, bei kompliziertem Verlauf länger.
Quellen
Dieser Beitrag bietet allgemeine fachliche Informationen und ist keine individuelle Behandlungsempfehlung. Für die Therapie eines konkreten Patienten sind der klinische Kontext, Begleitmedikation sowie Nieren- und Leberfunktion zu berücksichtigen.